Archivieren oder Verlieren?

Max, 26. März 2025

Die Unternehmen und das Internet

Als Streamingdienste wie Netflix im Mainstream erstmalig Erfolg fanden, lag ihr Reiz nicht nur darin wie bequem es schlagartig wurde an Filme zu kommen, sondern auch in der großartigen Breite des Angebots. Und wie mittlerweile auch von den letzten Fans festgestellt wurde, hielt dieses Angebot nicht lange an. Neben Netflix, Amazon, Disney und vielen anderen Mediengiganten, schien auf einmal die gesamte Entertainment-Industrie zu erkennen wie wertvoll ein eigenes Streamingangebot sein könnte. Die Rechte wurden aufgekauft und aufgeteilt, und das Streaming-Imperium zerschlagen. Heutzutage ärgern wir uns alle regelmäßig dass ein Film nicht mehr auf Service X, Y oder Z verfügbar ist. Eine technisch beeindruckende Lösung wurde durch die freie Hand des Markets ausgequetscht und ähnelt kaum noch dem genialen Deal den wir vor 10 Jahren feierten.

Die Geschichte des schnellen Höhenflugs und anschließenden Falls des Streamingmarktes wurde mittlerweile in jedem Podcast, Video Essay und Blogpost durchgekaut. Egal ob es Videospiele sind, die sich nur mit einer Internetverbindung starten lassen, oder Bücher die mit einem Kopierschutz versehen werden und nur auf bestimmten E-Readern gelesen werden können, es wird immer mehr Konsumentinnen klar, wie wenig uns eigentlich gehört. Im Zeitalter der großen Tech-Konzerne ist ja selbst der Kauf von Hardware fast nur eine Lizenz um diese für ein paar Jahre nutzen zu dürfen. Stellt der Hersteller den Update-Hahn ab, ist für viele Geräte das Ende schneller näher als man denkt. Und das gleiche gilt auch für die Medien die wir konsumieren. Wie viele Filme verschwinden täglich von Netflix, weil der Rechteinhaber sie bei einem anderen Dienst unterbringen will? Wie viele Youtube-Videos werden täglich gelöscht, weil dem Ersteller dubiose Copyright-Verletzungen vorgeworfen werden? Und wie viele Videospiele werden aus digitalen Märkten entfernt, weil der Herausgeber lieber den neusten Titel der Serie bewerben will?

Doch wir haben das Recht, mehr zu verlangen. Kontrolle über unsere Geräte, aber auch über die digitalen Inhalte für die wir unser Geld ausgeben. Und Geld kann hier durchaus als kritischer Punkt gesehen werden. Der große Vorzug der Piraterie ist einerseits, dass man die Inhalte kostenlos erhält. Aber gleichzeitig werden sie aber auch ohne jeglichen Kopierschutz zur Verfügung gestellt. Das erleichtert das Aufbauen einer eigenen, lokalen Sammlung, frei von der Herrschaft der Großkonzerne. Egal welchem Rechteinhaber ein Film oder ein Album gehört, ist der Kopierschutz entfernt, können sie völlig problemlos auf ein und derselben Festplatte koexistieren. Dieses Privileg ist der ehrlichen Kundschaft, denen die die Herstellung der Medien finanzieren, meist nicht gegönnt. Wer DRM-freie Bücher oder Musik sucht, wird eventuell in speziellen Online-Stores fündig. Für Filme und Videospiele hingegen ist höchstens der Kauf physischer Datenträger eine Option, aber die ist weder bequem noch kostengünstig.

Geht es nach den Konzernen, füllst du entweder deine Schränke mit teuren, fragilen Plastikscheiben oder lässt dich darauf ein, dass sie jederzeit den Datenhahn abdrehen und deine Lieblingsinhalte entfernen. Also, was tun?

Archivieren oder Verlieren

Ein eigenes digitales Archiv aufzubauen ist deutlich simpler als es vielleicht klingen mag. Das Ziel ist es, Medien für den Eigenkonsum zentral verwalten und abrufen zu können. Hast du schonmal Bilder auf einen USB-Stick kopiert, um sie mit deiner Familie zu teilen? Dann hast du im Grunde auch ein digitales Archiv erstellt. Ein eigenes digitales Archiv hat viele Vorzüge im Gegensatz zum klassischen Konsum durch die Portale von Drittanbietern:

Medien gleicher Art können unabhängig von ihrer Verteilung auf mehrere Rechteinhaber an einem einzelnen Ort gebündelt und über ein selber gewähltes Interface abgerufen werden. Selbst wenn eine Filmreihe über drei verschiedene Streaming-Dienste verstreut ist, kann sie im Archiv vereint werden.

Das Archiv kann nicht durch die Rechteinhaber eingeschränkt oder zensiert werden, aus welchen Motivationsgründen auch immer. Schließlich kann niemand Daten von deiner Platte löschen oder nachträgliche Änderungen an deinen Downloads machen.

Und wenn das Archiv lokal, das heißt in den eigenen vier Wänden, aufgebaut wird, ist es selbst bei Ausfall des Internets oder gängiger Internetdienste verfügbar. Kurzgesagt: Was du archivierst, hast du für immer.

Aber natürlich hat der Aufbau eines Archivs auch seine Herausforderungen. Die Anschaffung von Medien kann, wie zuvor beschrieben, teuer und schwierig sein. Besonders ältere Werke, die nicht mehr auf neuen Blu-Rays, CDs etc. herausgegeben werden, müssen eventuell erst auf dem Gebrauchtmarkt gesucht werden. Und natürlich ist die Anschaffung nicht immer so günstig wie ein monatliches Abonnement.

Desweiteren schätzen viele Nutzerinnen der weit verbreiteten Streamingdienste immer noch den relativen Komfort der großen, ständig verfügbaren Bibliothek. Ein lokales Archiv befreit dich einerseits von den Klauen der Konzerne, aber schränkt dich natürlich auf die von dir aktiv zusammengetragenen Medien ein.

Je länger ich mit meinem Archiv lebe, desto kleiner werden diese Probleme doch für mich. Aller Anfang ist schwer, und die Sammlung zuerst klein. Aber im Laufe der Zeit habe ich den Prozess des langsamen Sammelns und Kuratierens zu schätzen gelernt. Die gigantische Verfügbarkeit des Internets kann extrem überwältigend wirken. Bevor ich mir aktiv Gedanken darüber machen musste, welche Filme ich als nächstes schauen wollte, scrollte ich an vielen Abenden endlos durch die Online-Mediatheken und konnte mich für keinen Artikel im Angebot begeistern. Ich finde es schadet nicht zu planen was man sehen möchte, sich darüber bewusst zu sein weshalb man sich mit bestimmten Medien befasst. Undurchsichtige Algorithmen auf weit entfernten Servern bestimmen so viele Aspekte unseres Alltags, und eben hier ist es leicht den Unternehmen ihr Mitspracherecht zu entziehen.

Eine weitere Problematik ist der Kopierschutz und seine rechtliche Stellung. Um es kurz zu machen: Jeglicher gängiger Kopierschutz kann umgangen werden. Ob das legal ist, und wer es überhaupt rechtlich verfolgen könnte, ist von Land zu Land unterschiedlich. In Deutschland ist die Situation komplex, es wird viel von Grauzonen und Ausnahmefällen gesprochen, und am Ende macht wahrscheinlich jeder Endanwender was er will. Die Beurteilung der rechtlichen Situation überlasse ich an dieser Stelle fachlich qualifizierten Individuen.

Ich möchte aber ausdrücklich darauf hinweisen, dass nicht alle Medien grundsätzlich kopiergeschützt vorliegen. Insbesondere Bücher und Musik können häufig in ganz gewöhnlichen Online-Shops ohne Einschränkungen erworben, und dann in der persönlichen Datensammlung (oder dem MP3-Player) abgelegt werden. Meines Verständnisses nach ist zudem das Aufnehmen frei verfügbarer Fernseh- und Radioprogramme erlaubt. Da Aufzeichnungen dieser Formate häufig nur begrenzt oder gar nicht verfügbar sind, könnte sich auch hier das Anlegen eines privaten Archivs lohnen. Wie es beim Archivieren von Youtube-Videos aussieht, muss hingegen wieder ein sachkundigerer Mensch beurteilen, an technischen Lösungen scheitert es nicht.

Zuletzt möchte ich klarstellen, dass eine Parallelnutzung natürlich immer möglich ist. Du kannst deine Büchersammlung auf einer lokalen Festplatte pflegen und gleichzeitig Musik bei einem Online-Anbieter streamen, oder weiterhin einen Streamingdienst für Filme nutzen und dessen Angebotslücken durch ausgeliehene Blu-Rays aus der Bibliothek ergänzen. Das Archiv ist eine ergänzende Lösung, keine ausschließende.

Startet die Downloads!

Genug geplaudert. Wie geht es jetzt los mit dem Archiv? Im Grunde kann bereits ein einfacher USB-Stick oder eine externe Festplatte als Archiv durchgehen. Auf diesen Geräten kann man eine ganze Menge Medien unterbringen und diese einfach im eigenen Haushalt oder unterwegs konsumieren. Aber natürlich haben diese Optionen auch einige große Nachteile. Gehen sie kaputt oder verloren, sind die Daten weg. Möchte man auf mehreren Geräten gleichzeitig Inhalte wiedergeben, muss man mehrere Datenträger anschaffen und Daten manuell duplizieren. Und natürlich muss man sie auch immer mit sich führen, um unterwegs auf sie zugreifen zu können. Alles suboptimal, meiner Meinung nach.

Es gibt gute technische Lösungen um all diese Probleme zu umgehen. Statt mehrere externe Festplatten in eigenen Gehäusen zu kaufen, lohnt es sich eher ein paar Platten in NAS oder einen ähnlichen Computer zu stecken. Damit sind die Daten im ganzen Heimnetz gleichzeitig verfügbar, und die Platten können über RAID gegen Hardware-Ausfälle geschützt werden. Backups lassen sich weiterhin über externe Festplatten realisieren, oder abhängig vom eigenen Vertrauen in Cloud-Anbieter natürlich auch dort.

Medien die in irgendeiner Form abgespielt werden müssen, wie Musik oder Filme, können über gängige Open Source Software im Netzwerk bereitgestellt werden. Programme wie Jellyfin erlauben es die eigene Mediensammlung wie einen privaten Streamingdienst zu behandeln. Es gibt schöne Apps für viele Endgeräte, die den Zugriff viel angenehmer machen als über ein rohes Dateisystem. Und für die Synchronisation von Büchern hat sich Calibre als Standardtool der Wahl bewiesen. Im Rahmen der FOSS-Community sind der Kreativität und Spezifität keine Grenzen gesetzt. Wer sucht, findet für jede Medien-Art eine geeignete Verwaltungs- und Wiedergabemöglichkeit.

Wer das Setup jetzt noch abrunden möchte, kann seine neu angelegten Dienste ins freie Internet bringen (selbstverständlich mit starken Passwörtern gesichert!) oder auf einen VPN ins Heimnetz zurückgreifen. Die Einrichtung dieser und anderer technischer Maßnahmen gehen weit über das Ziel dieses Textes hinaus. Zum Archiv gehört nicht nur der Spaß an den Medien selber, sondern, zumindest für mich, auch das Basteln mit den vielen technischen Möglichkeiten.

Viel wichtiger als die konkrete Implementierung des Archivs ist aber seine Existenz. Auch eine unvollständige Umsetzung ist besser als keine. Alles was du speicherst, ist dein und du kannst es vor dem Verschwinden schützen. Wenn du diesen Text liest, solltest du dir ein Archiv für deine Medien anlegen. Wenn du dich schonmal über verschwundene Filme beim Streaming-Anbieter, über unvollständige Diskographien bei einem Musik-Service, über unauffindbar gewordene Versionen eines Buches geärgert hast, ist das hier dein Startschuss. Die beste Zeit, einen Baum zu pflanzen, war vor zwanzig Jahren. Die nächstbeste Zeit ist jetzt.